Aduatuca – Das Lied der Kelten
Bevor ein Adler den Himmel durchschnitt,
bevor man Straßen aus Stein erricht’,
als noch das Rad durch den Matsch sich fraß,
und jeder Baum noch Geschichten las,
da war dies Land schon unser Heim,
mit Feuer im Herd und Met im Krug daheim.
Wir brauchten keine goldenen Hallen,
nur Wälder, die im Herbstlaub knallen.
Wir kannten jeden Bach beim Namen,
den Felsen, wo die Raben kamen,
den Hügel, auf dem Nebel stand,
als wär er Wächter über unser Land.
Aus Eichen schnitten wir Speere heraus,
die Kinder liefen barfuß nach Haus.
Am Abend glühte der Schmied sein Eisen,
kein König musste seinen Reichtum weisen.
Der Hirsch zog früh durch feuchten Grund,
der Wolf hielt fern den eignen Hund.
Wir lebten nicht von großen Worten,
sondern von Arbeit an allen Orten.
Ein Wall aus Erde, Holz und Stein,
sollte unser sicherer Zufluchtsort sein.
Nicht prunkvoll, nicht für fremdes Lob,
nur fest gebaut auf hartem Boden drob.
Dort oben sah man weit ins Tal,
den Rauch aus jedem Feuerstrahl.
Wer Freund war, kam durchs offene Tor,
wer Böses wollte, stand davor.
Die Frauen mahlten Korn im Licht,
sie klagten über Mühen nicht.
Die Alten wussten manches Lied,
das keiner von den Jungen schrieb.
Wenn einer fiel, dann trug ihn jeder,
kein Mann war größer als sein Bruder.
Der Becher ging von Hand zu Hand,
so hielt zusammen unser Land.
Wir ehrten Quell und alten Baum,
den Donner über weitem Raum.
Nicht weil wir Angst vor Göttern hatten,
sie gingen einfach mit uns Schatten.
Dann kamen Worte aus der Ferne,
von Männern unter fremdem Sterne.
Sie sprachen laut von Recht und Macht,
doch niemand hatte sie gebracht.
Man hörte von Soldatenreihen,
von glänzend roten Schilderreihen.
Vom Adler, der nach Norden sah,
und einer Welt, die uns nicht nah.
Manch Händler brachte neues Eisen,
Geschichten von den weiten Reisen.
Doch jeder wusste tief im Sinn,
die Gier zieht oft den Krieg mit hin.
Wir standen oben auf dem Wall,
und schauten schweigend in das Tal.
Der Wind trug fremden Rauch heran,
als ob die Zeit sich wenden kann.
Vielleicht wird eines Tages einer schreiben,
wir seien nur Erinnerung geblieben.
Vielleicht gibt man dem Ort einst einen Namen,
den wir selbst niemals bekamen.
Vielleicht nennt man ihn Aduatuca,
vielleicht lag er hier ganz nah.
Vielleicht am Berg, vielleicht im Tal,
verborgen zwischen Wald und Fels einmal.
Vielleicht sucht man noch viele Jahre,
mit Karten, Schaufeln und Gelehrten-Schare.
Doch Erde schweigt oft klüger als Papier,
sie gibt nicht jedem ihre Zier.
Vielleicht ruht unter unseren Wegen,
was Menschen heute noch bewegen.
Vielleicht läuft man darüber Tag für Tag,
ohne zu ahnen, was darunter lag.
Drum hör genau, wenn Eichen rauschen,
und Raben in den Morgen lauschen.
Nicht jeder Wall erzählt sein Wort,
nicht jeder Name zeigt den Ort.
Denn Heimat lebt nicht nur im Stein,
sie kann auch tief im Herzen sein.
Und solange dieses Land noch steht,
lebt unser Stamm mit jedem Schritt, der geht.