Meine Ikone. Du hast ihn geformt, ihn groß gemacht und alles allein getragen. Jeden Cent. Jede Last. Jede Verantwortung. Von früh bis spät gearbeitet, nach Hause gekommen und weitergemacht. In der Firma warst du die Leitung, zu Hause warst du der Ausgleich. Dort hatte dein Wort Gewicht, hier hast du Gewicht getragen. Du hast nicht nur bezahlt, du hast ausgeglichen. Nicht nur Rechnungen, auch Stimmungen, auch Spannungen. Du hast gelebt zwischen Aufreißen und Ablenken. Unter der Woche Pflicht. Am Abend die Flucht. Am Sonntag die Ablenkung. Du hast nicht gelebt, du hast ausgehalten. Und zwischendurch hast du versucht, es dir leichter zu machen. Mit den Jahren wurde es enger, die Nächte länger. Du saßt wach, während der nächste Tag schon wartete. Und wenn es zu still wurde, war der Tisch nicht leer. Es wurde gekocht, es wurde eingeladen, es wurde Leben ins Haus geholt. Nicht aus Feierlaune, sondern damit es leichter war. Wir wollten noch zusammen in den Urlaub, einfach raus, einfach wir zwei. Es ist nicht mehr dazu gekommen. Ich sehe heute, wie viel Leben dich das gekostet hat. Früher habe ich dich nicht verstanden, heute verstehe ich dich mehr. Deine Stimme wird lauter in mir, in meinen Gedanken, in meinen Entscheidungen, in meinem Schweigen. Manchmal rede ich und höre dich. Manchmal halte ich durch und weiß warum. Ich erkenne dich in mir, deine Stärke, deine Müdigkeit. Und trotz allem bin ich stolz, deine Tochter zu sein. Und das bleibt. Du bist meine Ikone.